Tag 219 – Úrui 15 - Die Schlacht von Minas Arthor


Das Schicksal ihrer Gefährten Duran und Baruk war ungewiss. Angthalion, Fin-Selmir und Harar Izain führten nun allein das Heer von nahezu zehntausend Kriegern. Harar Izain übernahm stellvertretend für Duran das Kommando über die fünftausend dunländischen Krieger, die darauf drängten, für den „Heiligen Mann“ in die Schlacht zu ziehen. Die Dunländer marschierten auf dem linken Flügel auf. Der Häuptling der Dobac, Feagwhan, führte die Kriegsbanden an. Ihr Kriegsgeschrei schallte bis Minas Arthor herüber. Im Zentrum führte Angthalion das Kommando. An der Spitze seiner Truppen warteten Shabuns Ashdriags begierig auf den Einsatz sowie die Variags des Katoub Varod. Aber auch Tabaya-Sha und seine schwere haradanische Infante-rie aus Ugarta stand dort bereit. Es folgten die dunländischen Stammeskrieger La-naighs und mit ihnen die ungestümen Berserker Wiliaturs, des „Schlächters von Enedwaith“, der offenbar diesen Tag der Schlacht lange herbeigesehnt hatte. Die Soldaten von Ugarta erwarteten regungslos und schweigend das Signal zum Vormarsch. Ein jeder beherrschte seine Furcht. Ladnoca, die Mondgöttin, wurde von den Priestern angerufen. Währenddessen herrschte in den Reihen der dunländischen Stammeskrieger Unruhe und Nervosität. Die jungen Krieger starrten unruhig und angespannt in den Nebel hinein, als ob sie dort ihr Schicksal – Tod oder Leben – erkennen könnten. Schama-nen gingen umher und segneten die Waffen und gaben den Kriegern Zuspruch, aber die Angst konnte ihnen niemand nehmen. Nur die Berserker des Wiliatur schienen keine Furcht zu kennen. Mit lautem Geschrei und Trommeln stachelten sie sich ge-genseitig zum Kampf an und versetzten sich in einen Rausch. Wütend schlugen sie sich mit den Fäusten auf die Brust und brüllten. Sie mussten irgend eine geheime Substanz eingenommen haben, die Fanatismus und Wahnsinn hervorrief. Angthalion saß im Sattel seines Schlachtrosses und beobachtete seine Krieger, wie sich ein jeder auf seine Weise auf den nahenden Kampf vorbereitete, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Furcht. Bei ihm – zu seinem Schutz – wartete die Elite der Söldnerarmee: Fürst Tharadoc und seine fünfzig Panzerreiter von Maros. „Sie sollten ihre Kraft nicht vor der Schlacht vergeuden, Heermeister“, gab einer der Offiziere zu bedenken und deutete auf die dunländischen Berserker. Angthalion schaute sich zu der brüllenden Kriegsmeute um. „Laß sie, es ist ihre Weise, sich auf den Kampf vorzubereiten“, entgegnete er achselzuckend. Auf dem rechten Flügel waren die Krieger Fin-Selmirs, unter ihnen vor allem die Reiter der Sagath. Doch auch dunländische Schleuderer unter Cospatrick und die „Unfreien“ des Barahir warteten dort. Fin-Selmir bereitete sich auf seine Art auf die nahende Schlacht vor. Er entfernte sich einige Schritte von den Soldaten. Dann zog er seine Waffe aus dem Gürtel, einen Streitkolben, und legte ihn vorsichtig in das Gras. Anschließend beugte er sich über die Waffe und ließ seine Hände einige Male beschwörend über ihr kreisen. Die Soldaten in seiner Nähe beobachteten ihn neugierig, aber niemand wagte, den Heer-meister bei dieser Zeremonie zu stören. Minutenlang schien Fin-Selmir seine Umge-bung überhaupt nicht wahrzunehmen. Auf diese Weise weihte er seine Waffe für die Schlacht. Schließlich erhob er sich wieder und kehrte zu seinen Männern zurück. „Die Bastard-Soldaten sitzen in einer guten Verteidigungsstellung, Heermeister Angthalion“, sagte Tharadoc, der Anführer der Panzerreiter von Maros. Er schaute besorgt zum Emyn Arnen, dem nahen Hügel, hinauf. „Vermutlich haben sie den Hügel besetzt. Wir haben auch Truppen vor der Brücke gesehen“, sagte er nach Osten weisend. „Der Nebel verhüllt sie noch. Ich glaube nicht, dass sie angreifen werden.“ „Wir werden hier wohl nicht auf diese Bastarde warten können“, erwiderte Angthalion lakonisch. „Wohl kaum, Heermeister“, antwortete Tharadoc. „Sie überlassen uns den Auftakt. Wir müssen angreifen.“ „Diese Feiglinge, aber es war auch nichts anderes zu erwarten. Dann wollen wir keine Zeit verlieren und ihnen Furcht lehren“, sagte Angthalion grimmig und trieb sein Pferd voran, vorbei an den Reihen der wartenden Krieger. Die Männer spürten, dass der Beginn der Schlacht unmittelbar bevorstand. Vor den Reihen der Krieger wendete er sein Pferd. Er gab dem Herold ein Zeichen, dass die Männer schweigen sollten. Er wartete, bis Ruhe eingetreten war. Dann er-hob er seine Stimme laut und klar und rief seinen Kriegern Worte der Ermutigung zu. „Wohlan Krieger, meine Brüder im Kampf, heute ist der Tag der Entscheidung. Kämpft für Castamir, den künftigen Herrscher Gondors. Noch beschmutzt der Bastard Eldacar Gondors Thron. Helft, dass er dort nicht mehr lange weilt.“ Angthalion hielt einen Moment inne und beobachtete die Krieger. Herolde wiederholten laut sei-ne Worte bei den entfernteren Truppenteilen. Die Männer antworteten vielfach auf Angthalions Worte, indem sie mit ihren Schwertern auf die Schilde schlugen oder brüllten. „Und kämpft für eure Ehre und die Freiheit eurer Stämme“, sprach Angthalion weiter. „Castamir achtet euch als tapfere Krieger und er achtet eure Freiheit. Überwindet eure Furcht. Die Soldaten des Bastards dort drüben, sie haben keine Ehre und ihre Furcht ist größer als die eure. Habt Mut! Für Castamir!“ Angthalion ritt im Galopp an den Kriegerreihen und aufmarschierten Truppen entlang. Immer wieder streckte er sein Schwert empor und rief „Für Castamir!“. Und aus tausenden Kehlen wurde ihm geantwortet: „Für Castamir!“. „Für die Ehre der Dunländer! Für Dun! Für den Heiligen Mann!“ schrie er und die Dunländer antworteten ihm: „Dun, Dun, Dun ...“. Ihre Stimmen dröhnten im schnellen Takt, wie Trommelschläge. Die einzelnen Stammeshorden, jede mehrere hundert Krieger stark, hatten sich um ihre Feldzeichen und Standarten geschart. Allen voran marschierten Feagwhans Krieger mit der Standarte des Heilgen Mannes, dem Widderschädel. „Für die Ehre der Haradrim!“ rief Angthalion dann den Südländern zu und die Soldaten aus Ugarta, Amrun und den anderen Ländern schlugen mit ihren Waffen auf die Schilde. Ein ohrenbetäubender Lärm erhob sich an diesem Morgen und schallte die Hügel des Emyn Arthor hinauf und bis hinüber zur Ostseite des Erui. Die Menschen von Minas Arthor hörten das Kriegsgeschrei tausender Krieger und die schrillen Signal-hörner der Dunländer und die Trommeln der Haradrim drangen bis an ihre Ohren. Sie eilten zu hunderten auf die Stadtmauer, doch entweder versperrten die Emyn Arnen die Sicht oder der Nebel verhüllte das Geschehen. Ungewissheit und Furcht ergriff ihre Herzen. Doch zwischen den Söldnern und Dunländern standen die Truppen des Bastardkö-nigs. Sein General Tindor Malred verfügte über einige tausend Soldaten der starken Infanterie aus Anorien. Diese Männer waren für den Kampf ausgebildet. Jeder stand an seinem Platz und mit eisigem Schweigen erwarteten sie den Ansturm. Und wenn sie auch Furcht kannten, so hatten sie gelernt, sie zu überwinden. „Die Katapulte sind bereit, mein Feldherr“, meldete General Duron. Der Hir Targen Tindor Malred nickte ihm schweigend zu und ging dann hinüber zu den Käfigen, in die Baruk-Thar und Duran eingesperrt worden waren. Diese hatte er auf dem Hügel aufstellen lassen, inmitten des Palisadenforts, das die Katapulte schützte. Baruk und Duron sollten auf diese Weise Zeugen des Untergangs ihrer Söldnerarmee sein. „Der Nebel ist unser Verbündeter. Er zeigt den Rebellen erst spät unsere Stellun-gen“, sagte er zu den Offizieren, die ihn begleiteten. „Hört ihr Geschrei und ihre Trommeln. Mir scheint, heute kommen sie“, sagte er zu Duran, als er dessen Käfig erreicht hatte. „Sie haben keine Furcht vor euren Schwertern. Sie kämpfen für die Ehre der Dunlän-der und für den Heiligen Mann“, antwortete Duran mit fester Stimme. „Unsinn, sie kämpfen für Castamir. Und sie sterben für Castamir. Weiter nichts“, er-widerte Tindor und ging zu Baruks Käfig hinüber. Baruk aber schenkte ihm keinerlei Beachtung. Stoisch starrte der Zwerg an dem Gondorianer vorbei, als ob er Luft wä-re. Schweigend beobachteten die Katapultsoldaten des Targen Duron vom Hügel herab die anrückenden Dunländer. Die Erde schien unter dem Schritten der Dunländer zu beben und wurde begleitet von einer Art dumpfen und eintönigen, aber gleichwohl bedrohlichen Kriegsgesang: „Dun! Dun! Dun!“ schallte es immer gleichlautend den Hügel hinauf. Die Soldaten an den Katapulten blieben ruhig und warteten auf das Signal des Offiziers. Der Targen Duron nickte dem Offizier zu und langsam hob die-ser die Hand. „Katapulte bereit, Herr!“ riefen die Katapultkommandanten, wie mit ei-ner Stimme. Angthalion gab das Signal zum Angriff. Auf dem linken Flügel rückten die Dunländer mit lautem Kriegsgeschrei auf die Südspitze der Emyn Arthor, den südlichsten Hügel, zu. Die Dunländer hatten beinahe den Fuß des Hügels erreicht, doch dann brach ein Donnern über ihnen los. Als ob der Donnergott selbst seinen Zorn ihnen entgegen schleuderte, so schlugen die Geschosse der Katapulte in ihre Reihen ein. Bereits die erste Salve war entsetzlich. Die Katapulte streuten große Steine in die dichten Rei-hen der Krieger. Viele stürzten, doch die nachfolgenden stürmten weiter über sie hinweg. Die Katapulte verbreiteten Schrecken. Nie zuvor hatten die dunländischen Stammes-krieger derart entsetzliche Waffen gesehen. Die Soldaten des „Bastardkönigs“ hatten die Körbe der Katapulte mit faustgroßen Steinen geladen, die wie ein tödlicher Hagel auf die vorstürmenden Krieger niederprasselten. Hunderte Dunländer fielen von Katapultgeschossen getroffen zu Boden. In das Kriegsgeschrei mischten sich immer häufiger Schreie der Furcht oder des Entset-zens. Viele Häuptlinge und mit ihnen die mutigsten Kämpfer taten, was sie konnten, um ihre Krieger voran zu treiben, doch immer mehr wandten sich um zur Flucht. Zu Hunderten liefen sie von dem Hügel fort, um sich vor den Geschossen in Sicherheit zu bringen. Weniger als ein Drittel der Dunländer – in etwa eintausendfünfhundert Mann – stürm-ten die Anhöhe hinauf. Aber bereits nach wenigen Metern und nach einem weiteren verheerenden Einschlag der Geschosse verloren auch sie ihren Mut. Schließlich wandten sich auch die letzten zur Flucht. „Diese Feiglinge!“ brachte Angthalion nur mit unterdrücktem Zorn hervor, als er beo-bachtete, wie der Angriff der Dunländer ins Wanken geriet. „Sie fürchten die Waffen Gondors“, sagte der Signalgeber an seiner Seite. „Gib Shabun das Zeichen!“ befahl Angthalion. Der Angriff der Dunländer schien zerschlagen, bevor auch nur einer von ihnen die Hügelkuppe erreicht hatte. „Verteidigt das Fort!“ befahl Tindor Malred dem Targen Duron. „Ja, mein Feldherr“, antwortete dieser gehorsam. Dann verließ Tindor das Paliadenfort. Neben dem Fort wartete seine Reitereskorte. Er stieg auf sein Pferd, warf den Gefangenen noch einen kurzen Blick zu, spornte sein Pferd an und ritt die Emyn Arthor hinab, gefolgt von der Eskorte. Währenddessen war Shabun mit dreihundert seiner Ashdriag-Reiter weiter südlich vorgeprescht. Er jagte zunächst auf einen Waldsaum des südlichen Hügels der Emyn Arthor zu. Weitere Einheiten – Reiter und Infanterie – rückten nachfolgend auf den Hügel zu, doch sie waren noch nicht nah herangekommen. Als Shabun den Rand des kleinen Wäldchens erreicht hatte, tauchten zwischen den Bäumen Soldaten des „Bastardkönigs“ auf. Es mögen ungefähr zweihundert Bogenschützen gewesen sein. Sie feuerten einen Hagel von Pfeilen auf Shabuns Reiter ab und verschwanden dann wieder. Doch die Pfeile waren schlecht gezielt und richteten keinen Schaden an. Shabun lenkte seine Reiter an der Ostseite der Bäume – den Hügel hinauf – vorbei. „Voran, meine Krieger, den Hügel hinauf“, schrie er wie von Sinnen und trieb sein Pferd voran. Seine Ashdriag-Reiter folgten ihm die Anhöhe hinauf. Dort preschten die Ashdriags allerdings mitten in zahlreiche Reiterfallen und Fallgruben hinein und zahl-reiche Pferde und Reiter stürzten. Shabun trieb seine Reiter aber ungeachtet der Fal-len weiter den Hügel hinauf. Auf dem Hügel ertönte ein Hornsignal und darauf hin marschierten rasch hundert Soldaten auf, um die Ashdriags abzuwehren und die Ka-tapulte zu schützen. Der Targen Duron starrte über die Palisade den Hügel hinab. Seine Gelassenheit war gewichen, Furcht stand ihm im Gesicht, als er die wilden Steppenkrieger den Hügel hinaufgaloppieren sah. „Die Fallen halten diese räudigen Hunde nicht ab. Sie kommen den Hügel hinauf.“ „Was sollen wir tun?“ rief einer der Soldaten. „Infanterie vor die Palisade, dritte Hundertschaft Schildwall bilden! Schnell, schnell!“ schrie er. Sofort setzte sich der Trupp in Marsch und strömte aus dem Palisadenfort. Reibungslos und wie eine Maschine formierten die hundert Soldaten den Schildwall. Dieses Manöver schien hundertfach eingeübt zu sein und wirkte routiniert, aber wer die Soldaten genau beobachtete, sah unter den eisernen Helmen und hinter den ho-hen Schilden erste Blicke der Unsicherheit und Furcht. Trotz der Fallgruben und der Reiterfallen hielt die entfesselte Horde der Ashdriags nicht inne und preschte in Ra-serei heran. Und die Wildheit und Grausamkeit dieser Krieger war selbst bis an die Ohren der Soldaten Eldacars gedrungen. „Für den König!“ riefen die Soldaten, als sie die Schilde hoben. Shabun – an der Spitze seiner Reiter – erblickte einen dichten Schildwall und dahin-ter, nochmals durch eine Palisade geschützt, die Katapulte. Aber er lachte nur und trieb seine Reiter weiter an und mit wildem Kriegsgeschrei jagten sie, ungeachtet weiterer Reiterfallen, auf die dichte Reihe der „Bastardsoldaten“ zu. Vor der Palisade prallten die Reiter Shabuns auf den Schildwall und es begann ein blutiges Handgemenge. Aber Shabun kannte keine Furcht und er stürzte sich inmit-ten des Gemetzels, so dass seine Leibwächter ihm kaum folgen konnten. Angthalion beobachtete den wilden Ansturm der Horde um den Häuptling der Ashdriags. Dessen kühne Attacke entfesselte den ganzen Angriff. Angthalion zögerte nicht lange und gab auch Wiliatur und seinen Berserkern den Befehl, den Hügel hin-auf zu marschieren. Der Befehl war kaum ausgesprochen, da stürmten die Berserker bereits an ihm vorbei. Auch die Reiter von Amrun sollten noch den Hügel hinauf stürmen und Shabuns Krieger unterstützen. Die Haradrim von Ugarta rückten im Zentrum vor. Sie marschierten in einer dicht ge-schlossenen Formation geschützt von ihren großen erhobenen Schilden und ihren schweren Rüstungen südlich an dem Katapultfort der Soldaten Eldacars vorbei. Während die Ashdriags und die dunländischen Berserker am Hügelfort kämpften, näherte sich die schwere Infanterie von Ugarta, verstärkt durch die dunländischen Stammeskrieger Lanaighs und hundert haradanische Bogenschützen aus Korb Zal-lak den Fußtruppen der Targen Hirgon und Cirator. Auf der südwestlichen Seite des Hanges der Emyn Arthor kam es zum Hauptreffen. Das Gemetzel war grausam und schien zunächst nicht entschieden, Doch gab es einige unerwartete Wendungen. Einer der Generäle Eldacars, der Targen Cirator, stürzte inmitten des Kampfgetümmels und wurde von einer haradanischen Klinge niedergestreckt. Als seiner Banner fiel, verbreitete sich Mutlosigkeit unter Cirators Männern und viele liefen davon. So wurde einer der beiden Kommandanten Tindor Malreds getötet, der andere erwies sich als unwürdig. Denn Castamirs Agenten wa-ren nicht untätig gewesen und schon lange vor diesem Tag war es ihnen gelungen, den Targen Hirgon durch Gold gefügig zu machen. Nun am Tag der Schlacht offen-barte Hirgon seine Gesinnung und fiel mit achtundsiebzig seiner Kämpfer den übri-gen in den Rücken. Sie rissen das Wappen Eldacars entzwei und wandten sich ge-gen ihre Kampfgefährten. So schien sich alles zu Gunsten der Heermeister Casta-mirs zu entwickeln, aber von Osten stürmten noch weitere fünfhundert Mann Tindor Malreds unter ihrem Kommandanten Gorron von Osgiliath heran. Die Haradrim von Ugarta erwiesen sich als starke Krieger gegen die Infanterie aus Anorien und gemeinsam mit den dunländischen Stammeskriegern kämpften sie die zäh sich verteidigenden Soldaten des Gorron von Osgiliath langsam nieder. Gewiss hatten die Soldaten Eldacars nicht mit Hirgons Verrat gerechnet, aber trotzdem war es hauptsächlich der Tapferkeit der Haradrim des Tabaya-Sha zu verdanken, dass sich hier das Schlachtenglück langsam zu Gunsten der Gefolgsleute Castamirs neig-te. Die größte Herausforderung stand den Söldnern Angthalions aber noch bevor. Die Reitertruppen der Ashdriags, der Variags, der gepanzerten Soldaten aus Maros und der Sagath waren im Zentrum langsam vorgerückt und mit ihnen ihr Oberbefehlsha-ber Angthalion. Hier war es noch nicht zu Kämpfen gekommen, doch sie entdeckten die Hauptstellung des Feindes, die es zu überwinden galt. „Castamir will die Brücke in seinem Besitz sehen“, hatte die „Krähe“ Castamirs ver-langt. Zwischen ihnen und der Brücke über den Erui standen noch immer ungefähr zwei-tausend Mann. Zwei Kompanien mit jeweils fünfhundert Mann Infanterie und eine weitere Kompanie gepanzerte Bogenschützen-Infanterie erwarteten den Angriff. Aber noch schrecklicher waren zwei mächtige Triböcke die bereit waren zum Abschuss. Der Morgennebel soweit aufgeklart, dass Angthalion die Umrisse der gewaltigen Schleuderwaffen erkennen konnte. Davor konnte er die schweigenden Reihen der Infanterie des Feindes sehen, die den Angriff erwarteten. „Lasst die Truppen vormarschieren, die Reiter in die vordere Linie und treibt die Rin-der zuerst auf die Linie des Feindes!“ befahl er dem Signalgeber. Ein schrilles Horn ertönte und Signalflaggen wurden geschwenkt. Wenig später setzen sich die Ashdri-ag-Reiter, die Variags, die Panzerreiter von Maros und die anderen Truppen in Be-wegung und rückten auf die Stellung der Anorianer vor. Einige Sagath-Reiter jagten los und trieben die Horde von fünfzig Rindern an. Die aufgehetzten Tiere stürmten auf die gegnerische Stellung. Doch einige der Tiere stürzten oder verschwanden plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. „Spieße und Fallgruben, mein Gebieter!“ rief ein Soldat Angthalion zu. „Der ganze Boden ist gespickt mit Fallen.“ Aber Angthalion kümmerte sich nicht darum. Er ließ weiter angreifen. „Weiter vor-wärts!“ befahl er. Die Signalgeber gaben seine Befehle weiter und die Reiter stürm-ten weiter. Bagoas schrie „Bogenschützen vor!“ In dem sich aufklarenden Dunst offenbarten sich ihm immer neue Krieger des Feindes. Ihr Kriegsgeschrei, die Signalhörner und das Stampfen zahlloser Hufe und Stiefel hatte ihr Nahen schon lange angekündigt. Bagoas Bogenschützen marschierten durch die Linie der Schwertkämpfer und mach-ten sich bereit. Dann erkannten sie, dass sich die Horden des Feindes in Bewegung setzte und an der Spitze jagten wildgewordene Rinder auf die Soldaten zu. „Zielt auf die Rinder!“ befahl Bagoas seinen Bogenschützen. Das Donnern der Hufe wurde immer lauter. Die Infanteristen zogen ihre Schwerter und begannen in monotonem Takt auf ihre Schilde zu schlagen, um den Angreifer zu verängstigen, doch diese stürmten immer weiter. Zahlreiche Reiter stürzten beim Ansturm in Fallgruben oder die Läufe der Pferde wurden durch Spieße und eiserne Spitzen, die in den Boden eingelassen wa-ren verletzt und warfen ihre Reiter ab. „Wartet!“ Bagoas hob langsam den Arm. „Wartet!“ Er ließ die Rinder nah herankom-men. Dann schrie er: „Feuer!“ Ein Pfeilhagel prasselte auf die Rinderherde nieder und streckte viele der Tiere nieder oder verletzte sie. Ein lautes Aufheulen und Brüllen war zu hören. Die wenigen Tiere, die nur leicht ver-letzt oder noch unverletzt waren, zerstreuten sich. Ihr wahnsinniges Gebrüll erschüt-terte die Herzen. Aber die Rinder schienen keine Bedrohung mehr zu sein. Angthalion beobachtete mit regungsloser Mine, wie der Angriff der Rinder zerschla-gen wurde und zahlreiche der ihnen folgenden Reiter zu Boden gingen. Die Offiziere und Signalgeber in seiner Umgebung schauten erwartungsvoll zu ihrem Heerführer, in der Hoffnung, dass dieser den Angriff abbrechen lassen würde. Angt-halion aber kannte kein zurück. „Angriff!“ sagte er lakonisch, ohne den Hauch einer Gefühlsregung. Einen Moment schauten sich die Männer verunsichert an, dann folgten sie seinem Befehl und gaben das Signal, den Angriff fortzusetzen. Hinter den Rindern folgte erst der eigentliche Angriff. Ashdriag- und Variag-Reiter und die Panzerreiter von Maros kamen heran und auf der linken Flanke der Anoria-ner näherten sich weitere Kämpfer in raschem Marsch. Bagoas Augen weiteten sich, als er die eisenstarrenden Reiter von Maros erblickte. In ihren schweren Eisenrüstungen schienen sie unbezwingbar zu sein und die Wucht der gepanzerten Pferde würde jeden Gegner unter sich zermalmen. „Panzerreiter! Angriffsformation!“ brüllte Tharadoc und schob das Visier hinunter. Die Panzerreiter antworteten mit einem lauten Kriegsschrei, der seltsam dumpf und be-drohlich unter den metallenen Helmen dröhnte. Dann trabten Tharadocs Panzerreiter an und die anderen Reiterhorden folgten ihnen. Angespannt verfolgte Angthalion den Angriff seiner Elite. „Zermalmt sie!“ raunte er. „Bogenschützen zurück!“ schrie Bagoas und lief zurück. Die wartende Infanterie öff-nete ihre Reihen und ließ die Bogenschützen hindurch. Aber jetzt waren sie selbst an der Reihe. „Linie schließen, Schilde hoch!“ schrien die Offiziere. Die Soldaten folgten den Befeh-len, aber die Reihen wankten. Die Soldaten der vordersten Reihe schrien, als die Panzerreiter heran donnerten. Einige wollten sich zur Flucht abwenden, aber die Of-fiziere behielten ihre Männer scharf im Blick und trieben jeden, der ausscheren woll-te, in die Reihe zurück. „In die Reihe! Haltet stand! Es sind nur Menschen, ihr könnt sie töten!“ Angthalion folgte auf seinem Schlachtross langsam seinen Truppen. Ungerührt von dem Schlachtgetöse paffte er an einer Zigarre. „Seid tapfer!“ sprach er zu den Kämpfern in den hinteren Reihen, die voller Angst nach vorne in Richtung der feindlichen Infanterie starrten und sich vielleicht noch an die wage Hoffnung klammerten, dass sie selbst dem Nahkampf entgehen könnten. „Habt Mut!“ sprach er und zog beinahe genüßlich an der Zigarre. Angthalions Worte waren kein Zuspruch und keine Ermutigung für die Männer. Viel-mehr war es das Verhalten eines Gebieters gegenüber seinen Sklaven. So zeigte Angthalion selbst keine Neigung, seinen Kämpfern voran zu reiten. Er nahm keinen Anteil an ihrer Todesfurcht. Ungerührte und eisig trieb er seine Männer voran. Er war schließlich Castamirs General und es war sein Recht, dies von seinen Männern zu verlangen. Aber er tat es mit maßloser Arroganz und Verachtung. Keiner der Männer wagte Widerspruch. Auf der rechten Flanke näherten sich währenddessen die Truppen, die von Fin-Selmir befehligt wurden. Dies waren vor allem dunländische Schleuderer, Reiter der Sagath und die „Unfreien“. Die Reiter hielten plötzlich inne. Verstört spähten sie in den Himmel, denn die Luft war von einem Grollen erfolgt. Dann erfolgte der krachende Einschlag in die Reihen der Söldner. Die Triböcke Tindor Malreds hatten den Kampf um die Brücke eröffnet und forderten einen entsetzlichen Blutzoll unter den Söldnern. Die meisten Krieger, die sie sich zum Angriff auf die Brücke unweit der Ruine der Burg von Miruvor sam-melten, hatten das erste Mal von diesen todbringenden Maschinen gehört, als sie ihre Steppen oder Wüsten im Osten oder Süden verließen und nach Gondor zogen, um für Castamir zu kämpfen, doch niemals hätten sie sich eine Vorstellung über die zerstörerische Kraft dieser gewaltigen Schleudermaschinen machen können. Rei-henweise fielen die Krieger von Steinen getroffen zu Boden. Die Pferde wieherten panisch und warfen ihre Reiter ab. Selbst die stärkste Rüstung konnte keinen Schutz bieten vor den Geschossen. Doramirs Soldaten hatten die Katapulte besetzt. Sie scherten sich nicht um die im Fort herumliegenden Verwundeten, seien es Bastard-Soldaten oder dunländische Berserker, die zuvor in wilder Raserei das Fort gestürmt hatten. Aber Wiliaturs Dun-länder waren am Ende, entweder erschlagen oder schwer verwundet. Keiner von ihnen stand noch auf den Beinen. Doramir trieb seine Männer an und sie kannten nur ein Ziel: die Katapulte so rasch wie möglich einsatzbereit machen. „Jetzt geben wir´s ihnen zurück!“ prahlte er. Die Katapulte waren bald ausgerichtet und geladen. „Schneller, schneller!“ schrie Doramir und spornte die Katapult-Soldaten zu einer letzten Kraftanstrengung an. Die Spannräder wurden bis zum Anschlag gedreht. Die Balken der Schleuderarme knirschten und ächzten gefährlich. Doramir rannte zur südlichen Palisade und sprang auf die Planke, um den Einschlag der Geschosse be-obachten zu können. Entfernt südöstlich des Hügels sah er den aufwirbelnden Staub der tobenden Schlacht. „Feuer!“ brüllte Doramir. Mit einem Donnerschlag sprangen die Schleuderarme aus ihrer Spannung und schleuderten ihre todbringende Fracht in den Himmel. Wie wahnsinnig lachte Doramir, als er das Knallen der Schleuderarme hörte. Staub und Schreie. Ein lautes Krachen und Bersten übertönte das Grollen der Ge-schosse. Erschrocken fuhr Doramir zusammen. Er sprang von der Planke und lief zurück, doch dort war zunächst nur Staub. Er versuchte in der Staubwolke etwas zu erkennen. Zuerst sah er nichts, doch dann taumelten blutüberströmte Männer an ihm vorbei. Dann erkannte er weitere Männer, die am Boden lagen. Einige zuckten, wimmerten oder brüllten vor Schmerzen, andere waren regungslos. Große Splitter und Späne hatten die Körper an vielen Stellen durchbohrt oder die Gesichter un-kenntlich gemacht. Dann entdeckte er die Ursache des Schreckens. Einer der Katapulte war geborsten und hatte Geschosse und Holzsplitter in einem großen Umkreis in dem Palisadenfort verteilt und Dutzende der Männer getroffen. Es herrschte Chaos. Der Kampf rückte nun auch näher an Angthalion heran. Plötz-lich sah er inmitten der zurückströmenden Söldner wieder den feindlichen Ritter. Die-ser hatte ihn ebenfalls entdeckt und trieb sein Schlachtross voran. Die Soldaten sprangen beiseite und der Ritter scherte sich nicht darum, dass zahlreiche Feinde um ihn herum waren. Er kannte nur ein Ziel: Angthalion. Der Ritter stürmte brüllend und mit erhobenem Schwert auf ihn zu. Es blieb Angthalion keine Zeit mehr, seine Streitaxt zu ziehen. So richtete er hektisch seine Armbrust auf den anstürmenden Reiter aus und spannte sie, doch der Reiter war schon heran geprescht und holte aus. Aber der Schlag war unbeherrscht und schlecht gezielt und verfehlte Angthalion. Dieser war sich sicher, für einen Bruchteil einer Sekunde das hassverzerrte Gesicht seines Schwagers Giladan unter dem offenen Helm erkannt zu haben. Augenblicklich schoß Angthalion den Bolzen aus kürzester Entfernung auf den Reiter ab, aber dieser war zu schnell an ihm vorüber. Doch der Reiter hatte kurz aufgeschrien. Offenbar hatte der Bolzen ihn zumindest gestreift. Angthalion schaute sich um, aber der Reiter war bereits im Staub verschwunden. Angestrengt versuchte er noch, die undurchsichtige Wand aus aufgewirbelten Staub zu durchdringen, aber der Reiter war wie vom Erdboden verschwunden. Angthalion konnte kaum zehn Meter weit sehen. Plötzlich aber hielt er inne. Etwas Seltsames lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein seltsames Grollen durchdrang den Staub und überlagerte den Lärm brüllender Kämpfer, panischer Pferde, klirrender Klingen und splitternder Rüstungen und die Schmerzensschreie der Verwundeten und Sterbenden. Angthalion starrte in den Himmel, aber der Staub verdeckte ihm die Sicht. Das Grol-len der Luft schwoll in wenigen Sekunden so laut an, dass viele Krieger hierdurch abgelenkt waren, gelähmt vor Furcht stehenblieben und den Kampf vergaßen. Für einen Moment schien es, als ob das Klirren der Schwerter beinahe ganz verstummte. Das Grollen wurde noch lauter und schien ganz nah zu sein. Die Söldner Angthalions und die Soldaten Tindor Malreds starrten zum Himmel. Der Staub senkte sich und gab den Blick frei. Es war ein Inferno, ein unbeschreiblicher Schrecken, der über die Männer herein-brach und er machte keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Donnernd prasselten die Steine auf die Kämpfer nieder, durchschlugen Helme, Panzerungen und Körper. Fast gleichzeitig gingen ganze Gruppen aus fünf, zehn oder mehr Män-nern zu Boden. Krieger, die noch Sekunden zuvor miteinander fochten, lagen von Steinen getroffen übereinander. Manche wurden nur leicht verletzt, anderen aber wurde der Kopf weggerissen oder der Körper zerquetscht. Bagoas, der Befehlshaber der Bogenschützen, hatte bisweilen den Bogen mit dem Schwert getauscht, focht einen erbittertem Zweikampf mit einem wilden Krieger aus Rhun aus. Aber der Kampf wurde durch den Steinhagel jäh, strauchelte, von einem schweren Steinbrocken an der Schläfe getroffen, zu Boden und blieb dort regungslos liegen. Auch der Krieger aus Rhun zuckte nur noch schwach. War das Handgemenge noch erbarmungslos und erbittert, so fand es nun ein Ende in einem tödlichen Steinhagel, der über die Männer niederging. Mit großer Wucht traf etwas Hartes Angthalion am Unterarm und er taumelte vom Pferd. Rings um ihn herum lagen die Männer, niedergestreckt von den Geschossen der Katapulte. Der aufwirbelnde Staub schien ihm die Luft zum Atmen zu rauben. Mühsam richtete er sich auf und schaute nach rechts und links, doch, nachdem das krachende Don-nern und Prasseln der einschlagenden Steine verstummt war, glaubte er für einen Augenblick allein zu sein. Der Staub nahm ihm jede Sicht und schien auch die Schreie der Verwundeten zu verschlucken. Zunächst schien es ihm, als ob er taub war, erst langsam drangen die Geräusche wieder näher. Er lag mit dem Gesicht auf Hustend richtete er sich Im ersten Augenblick Die Gestalt Der aufgewirbelte Staub Angthalions Schlag trifft Giladan tödlich. Aber Giladan ist nicht sogleich tot, sondern muss noch einige Minuten entsetzlicher Schmerzen ertragen. Und nicht nur dies, Angthalion steigt vom Pferd und tritt an den Sterbenden heran, um ihn mit seiner Verachtung und seinem Spott zu strafen. Angthalions Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Manuriel, nur ich konnte es ihr richtig gut machen“, sprach er höhnisch zu Giladan, so dass er sicher sein konnte, dass dieser jedes seiner Worte verstand. Angthalion ging einige Schritte um den Verletzten herum. „Nun wirst du Minas Celeb nicht mehr beschmutzen“, sprach er weiter. Angthalion erspähte den Ritter, der das Banner von Minas Celeb geführt hatte. Das Banner, die silberne Picke als Zeichen des Silberbergbaus, lag im Staub. Der Ban-nerträger war erschlagen worden. Die silberne Bergwerkspicke war als Symbol für die Vasallenschaft gegenüber Eldacar umringt von den sieben Sternen Gondors. Angthalion mochte es als Verunglimpfung des Familienwappens empfunden haben. Er ritt auf den verletzten Ritter zu. Dieser versuchte mühsam, sich aufzurichten. Er hatte beim Sturz seinen Helm verloren und Angthalion erkannte, dass es ein alter Krieger mit langem weißen Haar und einem ebenso weißen Bart war. Der Mann wendete ihm das Gesicht zu und starrte ihn mit angsterfüllten glasigen Augen an. Angthalion erkannte seinen Vater Falathar. „Vater, siehst du mich? Erkennst du mich?“ sprach Angthalion mit fester, mitleidloser Stimme. „Angthalion, mein Sohn“, brach der alte Mann mit zitternder Stimme hervor. „Damit hast du nicht gerechnet“, sagte Angthalion voller Verachtung und trieb sein Pferd nah an den Verwundeten heran, so dass die Hufe ihn beinahe zu zertrampeln drohten. Falathar versuchte rückwärts einige Schritte zurück zu gehen, um nicht von dem Hu-fen des Pferdes getroffen zu werden, aber Angthalion ließ ihn nicht entweichen. „Nein, so warte doch, mein Sohn“, flehte Falathar und hielt schützend die Arme vor das Gesicht. Angthalion aber schien ungerührt und lenkte sein Ross weiter voran. „Jetzt werde ich meinen letzten Racheakt vollziehen und keine Gnade walten lassen, damit auch du siehst, wer der rechtmäßige Herr in Minas Celeb war und immer sein wird“, sprach Angthalion. Mit bleichem Gesicht starrte Falathar seinen Sohn an. „Auf die Knie, alter Mann!“ befahl Angthalion mit eisiger Stimme. „Mein Sohn, tue kein Unrecht“, haderte Falathar mit seinem Schicksal. „Wie bitte? Auf dem Ohr bin ich taub“, spottete Angthalion. „Nein, mein Sohn, tue es nicht!“ Falathar stolperte hilflos zu Boden. Angthalion stieg von dem Pferd und griff nach seiner Axt. Wortlos trat er an den am Boden liegen zitternden Falathar heran und starrte auf ihn herab. „Vergehe dich nicht an deinem Blute! Wage es nicht!“ schrie dieser wie von Sinnen. Angthalion hob die Axt. „Was willst du noch gegen mich ausrichten, du Verräter an Castamir. Du, der immer auf Torgir gesetzt hattest und später auf diesen Kriecher Giladan vertraut hast. Sehe meiner Rache mit offenen Augen entgegen und stehe zu ihr wie ein Mann!“ sagte Angthalion und erschlug den alten Mann. Angthalion spürte nichts außer die rohe Befriedigung seines Rachebedürfnisses. Nicht eine Spur des Mitgefühls war noch in ihm. Das Familienband zu seinem Vater war schon lange zuvor zerrissen. Der Tod seines Vaters ging ihm kaum näher als der eines beliebigen Feindes auf dem Schlachtfeld. Ungerührt wischte er das Blut von der Klinge seiner Axt, indem er sie einige Mal durch das hohe Grass zog. Der Schlachtenlärm hatte sich etwas entfernt. Die Kämpfe hatten sich inzwischen der Brücke über den Erui genähert und die Truppen Tindor Malreds schienen auf dem Rückzug und der Sieg zum Greifen nah. Doch all dies interessierte Angthalion nicht, als er seine Rache vollzog. Erst nach einer Weile wandte er sich wieder den Ge-schehnissen um ihn herum zu. Er steckte die Axt wieder in den Halfter und schaute zur Leiche seines Vaters herüber. Er war nicht erschöpft vom Kämpfen, doch etwas schnürte seine Kehle zu und ließ ihn schwer atmen. Duran empfand die heillose Flucht seiner dunländischen Gefolgsleute als große Schande. In dem Chaos der Schlacht fand er ein reiterloses Pferd. Duran wollte die schändli-che Flucht der Bergbewohner nicht hinnehmen. Unter seiner Führung, mit ihm, dem „Heiligen Mann“ und obersten Schamanen an ihrer Spitze, würden sie einen zweiten Angriff wagen. Duran stieg auf das Pferd und jagte den fliehenden Horden nach, um sie zur Umkehr zu bewegen. Schließlich holte Duran die Dunländer nahe ihres Lagers ein. Als sie den „Heiligen Mann“ sahen, hielten viele von ihnen inne und sammelten sich um ihn. Duran scharr-te die Häuptlinge um sich und sprach zu ihnen: „Wollt ihr so rasch aufgeben. Ich bin zurückgekehrt, um euch in den Kampf zu führen. Dort sind die Maden des Bastardkönigs. Wollt ihr, dass sie über euch lachen?“ for-derte er die Krieger heraus. „Wollt ihr das?“ rief er mit lauter Stimme. „Nein“, lautete die Antwort aus vielen Kehlen. Immer mehr Dunländer sammelten sich um den „Heiligen Mann“, um seinen Worten zuzuhören. Duran spürte es. Die Dunländer waren wieder zum Kampf bereit. Seine Rückkehr hatte ihren Kampfwillen neu angefacht und durch seine Worte ermutigt hatte sich erneut eine große Horde um die Standarte des Widderkopfes gesammelt. Duran ließ die Kriegstrommeln erneut schlagen und die schrillen Hörner riefen erneut zum Kampf. Eintausend und siebenhundert Krieger marschierten unter lautem Kriegsge-sang und dumpfen Trommeln auf die Emyn Arthor zu. Und an ihrer Spitze ritt Duran, sie immer weiter zum Kampf anstachelnd. „Dun, Dun, Dun!“ dröhnte wieder der dumpfe Gesang der Dunländer herüber. Auf der linken Flanke hatte sich eine Hundertschaft der anorianischen Infanterie des Targen Findamir von der Haupttruppe gelöst und verfolgte eine kleine Gruppe flie-hender Bogenschützen des Haruth do Ramam. Die Bogenschützen liefen gerade-wegs westlichen Abhang hinab und den anrückenden Dunländern entgegen und die Anorianer folgten ihnen. Doch als sie der riesigen Kriegerhorde gewahr wurden, die mit dröhnendem Gesang und Trommeln heran marschierte, hielten sie inne. „Die Wilden kehren zurück. Wir schaffen es nicht mehr den Hügel hinauf. Sie sind zu nah. Verteidigen!“ schrie der Hauptmann. Am Fuße des Abhangs gingen die Anorianer sofort in Stellung und erwarteten den Angriff der Dunländer. „Seht, Herr! Der mit dem seltsamen Kopfschmuck auf dem Pferd ist ihr Anführer, der heilige Mann“, sagte einer der Soldaten. „Das ist der Gefangene. Offenbar ist er entkommen. Er ist nur ein Söldner Castamirs, die Wilden nennen ihn „Dun“. Ich werde ihn erledigen“, erwiderte der Hauptmann kalt und zog sein Schwert. Die Dunländer waren jetzt nur noch ungefähr hundert Meter von den Anorianern ent-fernt und trommelten immer lauter mit ihren Speeren und Keulen auf ihre Schilde. Duran richtete sein Schwert auf die Feinde. „Tötet sie! Tötet sie!“ schrie er und trieb sein Pferd an. Die Anorianer waren nur wenige und sie sahen sich der gewaltigen Übermacht der Dunländer gegenüber. Vielleicht hundert Kämpfer und sie bereiteten sich auf ihren letzten Kampf vor. Die Bogenschützen, die sie verfolgt hatten, waren verschwunden, aber in breiter Front kamen die Dunländer heran. Ein Rückzug war nicht mehr mög-lich. Dazu waren die Wilden zu nah. „Tötet sie!“ schrie der Anführer der Dunländer. Die Dunländer prallten mit Geschrei auf den Schildwall der Anorianer. Ihre Keulen schlugen hart gegen Panzer und Schild, aber die Schwerter der Anorianer waren scharf und tödlich. Der Thangon der Anorianer verlor sein Ziel nicht aus den Augen. An der Spitze der wilden Horde war „Dun“, ihr Anführer. Da er als einziger auf einem Pferd saß, war er leicht im Getümmel zu erkennen. Nur wenige Schritte, dann hatte der Thangon den Dunländer erreicht. Dieser erspähte seinen neuen Feind und lenkte sein Pferd ihm entgegen und holte mit dem Schwert aus. Aber des Thangons Klinge traf „Dun“. Die Anorianer hielten der Übermacht stand. Und als sich unter den Dunländern die Nachricht verbreitete, dass der „Heilige Mann“ verwundet war, sank ihr Mut und im-mer mehr Krieger wendeten sich zur Flucht. Die meisten glaubten sogar, dass „Dun“ gefallen war. Es war niemand mehr dort, der sie zum Kampf antrieb und abermals liefen sie fort. Harar eilte zum Lager der Dunländer. Immer mehr Bergbewohner hatten sich inzwi-schen um den „Heiligen Mann“ geschart und ihr stets gleich lautender Gesang schall-te weit über das Lager hinaus. Die Schamanen begannen mit einem obskuren Hei-lungsritual. Trance und pausenlose Gesänge sollten Durans Geist stärken, damit er die Verletzung überstehen würde. „Dun, Dun, Dun!“ riefen sie ohne Unterlass und hofften durch ihre inbrünstigen Gebe-te göttliche Heilkräfte zu beschwören. Aber als Harar sich schließlich durch die Men-schenmenge bis in den innersten Kreis vorgearbeitet hatte, sah er Duran noch immer regungslos daliegen, bespritzt vom Blut eines Lammes und umringt von wilden Schamanen mit langen weißen Bärten und seltsamen Symbolen auf den Gewän-dern, die zu den Göttern riefen. Harar trat einen Schritt an den auf Fellen gebetteten Körper Durans zu, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass er so die Schamanen in ihrer religiösen Trance störte. Die alten Männer schrien plötzlich auf und sprangen auf Harar zu. Wütend schlugen sie mit ihren Keulen und Stöcken auf den Eindringling ein. Harar versuchte noch aus der Umzingelung zu entkommen, doch er stürzte zu Boden und weitere Schläge prasselten auf ihn ein. Als ein kräftiger Hieb seine Nase brechen ließ, verlor er das Bewusstsein. Nachdem die Kämpfe vorüber waren, ritten Angthalion, Baruk-Thar, Fin-Selmir und Harar über das Schlachtfeld. Die einzelnen Truppen sammelten sich wieder um ihre Banner. Aber viele der Söldnergruppen hatten schreckliche Verluste erlitten. Es gab Einheiten, bei denen kein Kämpfer unverletzt geblieben war. Angthalion und seine Gefährten schauten auf die Burg von Míruvor. Sie war nur noch eine Ruine. Einige triste Gemäuer standen noch, aber ansonsten war von der Burg nur noch ein großer Haufen Geröll, Schutt und Steine übrig geblieben. Malreds Kata-pulte hatten in den letzten Wochen kaum einen Stein über dem anderen gelassen. Die Gefährten ritten zu der Ruine herüber und nahmen sie in näheren Augenschein. Da sie vor Monaten die Burg schon einmal besucht hatten, konnten sie sich verhält-nismäßig leicht einen Überblick verschaffen. Im Burghof war sogar noch die Öffnung zum Burgverlies, durch das vor Monaten der arroganter königliche Schatzbeamter geworfen wurde. Diese Gewölbe erregten ihre Aufmerksamkeit, denn Geräusche drangen aus dem Dunkel des Kerkers hinauf. In den Kellergewölben spürten sie eine verwahrloste Frau und ihr Kind sowie einen verkommenen lüsternen Verrückten auf. Bei der Frau handelte es sich um Boromis, die Frau Pellandurs von Míruvor. Sie musste sich offenbar wochenlang im Verließ der zerstörten Burg von Míruvor vor Tindor Malreds Soldaten verstecken und die Ge-sellschaft mit dem verrückt gewordenen Cimrion von Dunmardo, Valacars ehemali-ger Schatzbeamter von Lebennin, teilen und sich dessen lüsterner Übergriffe erweh-ren. Boromis und ihre Tochter wurden aus der Gewalt des Verrückten befreit und dem Wundheiler Tharendin übergeben, damit sie sich von dem elenden Vegetieren erholen konnten. Der lallende und geifernde Cimrion von Dunmardo, der seinerzeit von den Gefährten an Pellandur ausgeliefert worden war, wurde im Heerlager an Al-darion übergeben. Anschließend zogen sich die Söldnergeneräle in ihre Quartiere zurück. Angthalion hatte sein Feldherrnzelt inmitten des Schlachtfeldes errichten las-sen. Dort wollte er zunächst eine Weile sich von den Strapazen des Tages ausruhen, denn am Abend war er zu einer Siegesfeier im Lager der dunländischen Stammes-krieger Gunaighs eingeladen worden. Auch sollte über den Verräter Lanaigh Gericht gehalten werden. Angthalion wurde von den Dunländern voller Ehrerbietung und Respekt begrüßt. „Heißt den Heermeister Angthalion willkommen!“ riefen sie. Aus der Menge näherte sich ein Mann. Es war Gunaigh, der nach Lanaighs Verrat und Cenaighs Tod zum neuen Häuptling gewählt wurde. „Willkommen, Heermeister Angthalion. Es ist mir eine große Ehre, Euch hier zu be-grüßen, damit wir gemeinsam den Kelch auf unseren Sieg erheben und all denjeni-gen die Ehrerbietung erweisen, die tapfer gekämpft haben für den Ruhm der Dun-länder“, sagte er laut. „Für den Ruhm der Dunländer“, wiederholten die Männer in seiner Nähe und hoben die Kelche zum Gruß. „Für die Ehre Castamirs!“ sprach Gunaigh weiter. Für die Dunländer und für Castamir!“ antwortete Angthalion und klopfte Gunaigh auf die Schulter. Dann aber wendete er seinen Blick nach links, denn dort sah er den gefangenen Lanaigh, wie er entblößt an einem Balken gebunden war, so dass seine Fußspitzen den Boden nicht berührten. Er war aller Kleider beraubt worden und er hatte eine klaffende Wunde an der Schul-ter. Man hatte in die Goldmünzen, mit denen er bestochen wurde, Löcher gestanzt und die Münzen dann auf ein Lederband gezogen. Dieses baumelte nun zum Spott und als Zeichen seiner Schande um seinen Hals. Dort an dem Balken gebunden er-wartete er sein Schicksal. „Aber wir sind hier auch zusammen gekommen, weil wir Gericht halten müssen über diejenigen, die Verrat begangen habe. Verrat ist das schlimmste Ehrverbrechen, das vorstellbar ist. Es rührt schlimmer an der Ehre eines Mannes als Raub oder sogar Mord“, sprach Gunaigh. „Der Heermeister Fin-Selmir sagte mir heute abend, die verdiente Strafe für einen Verräter sei es, den Berg der Toten als lebende Fackel in Brand zu setzen, damit er gemeinsam mit derjenigen in das Totenreich eingehen werde, die er hintergangen hat und im Totenreich möge er dann von ihrer Rache verfolgt werden. Dies sollte ich Euch berichten, Gunaigh“, sagte Angthalion. „Das wäre wahrlich ein verdientes Schicksal, doch in unserem Volke ist Verrätern eine andere Strafe vorbehalten. Sie haben die größte Schande auf sich geladen, die wir uns vorstellen können und zur Sühne werden sie den Pfad der tausend Tode be-schreiten“, antwortete Gunaigh. „Wie sieht dieser Pfad aus?“ fragte Angthalion. „Es dauert zwölf Tage, ihn zu beschreiten, für jeden Monat des Jahres hat der Verrä-ter einen Tag der Schmerzen zu erleiden, bevor er nach zwölf Tagen in das Toten-reich eingehen darf“, sagte Gunaigh. „Die Schamanen sind darin geübt, größte Schmerzen zuzufügen, ohne dass der Verräter zu früh stirbt.“ Gunaigh deutete auf zwei Schamanen, die sich in der Nähe Lanaighs befanden und ihre Folterwerkzeuge zurecht legten. Lanaigh war bei vollem Bewusstsein. Er ahnte zweifelsohne das grausame Schicksal, das ihm bevorstand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die beiden Schamanen, die die Vorbereitungen für die Bestrafung trafen. Angthalion verließ am späten Abend das Lager der dunländischen Stammeskrieger. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bestrafung Lanaighs erst begonnen. Doch er hatte genug gesehen, von der tückischen Grausamkeit, mit der die dunländischen Scha-manen den Verräter behandelten. Die Heermeister Angthalion und Baruk-Thar überquerten die Brücke, die nun von ihren Truppen bewacht wurde. In der Umgebung der Brücke waren keine „Bastard-soldaten“ mehr zu sehen. Die, die noch konnten, waren eilig geflohen. Ein kleines Stück jenseits der Brücke lag eine Weggabelung. Zur linken Seite führte eine Straße bis zum Südtor von Minas Arthor, während die Hauptstraße nach Osten verlief. Eini-ge hundert Meter östlich der Gabelung lag ein Wald und die Gefährten wussten von ihrem ersten Aufenthalt in dieser Gegend, dass sich dahinter das Heerlager Tindor Malreds befand. Baruk und Angthalion marschierten durch das hohe Gras des Ost-ufers und näherten sich in einem weiten südlichen Bogen dem Heerlager des Fein-des. Noch immer mussten sie damit rechnen, dass sich im Hinterland Soldaten des Feindes aufhalten. Und ihre Vorsicht war begründet, denn sie konnten aus der Entfernung beobachten, wie die Reste von Tindor Malreds Armee das Heerlager verlie-ßen. Noch sahen sie dort Reiter und auch einige Wagen, die sich beeilten, das Lager zu verlassen. Einige Zelte gingen in Flammen auf, aber es fehlte Malreds Soldaten die Zeit, alles, was zurückblieb, zu zerstören. „Wie ein geschlagener Köter rennt er davon, dieser Feigling“, sagte Angthalion, als er die Reiter davonjagen sah. Die Gefährten nahmen das verlassene Heerlager in Augenschein. Sie fanden auch das Zelt des Feldherrn Tindor Malred, aber als sie sich dem Eingang näherten, hör-ten sie Geräusche und Stimmen. Unmittelbar darauf wurde das Zelttuch des Ein-gangs aufgeschlagen und zwei Gestalten traten heraus. Es waren offensichtlich Ashdriags aus Shabuns Horde und sie trugen eine Kiste und einen Ballen Stoffe aus dem Zelt heraus. Angthalion gebot ihnen halt.