Der Wirt des Silberkellers


Amars Schlaf war zu kurz zum träumen und bedeutet deshalb auch kaum Erholung. Die Stimme des Wirts schallte durch die Räumlichkeiten und riefen nach ihm. Leiser war das wimmern von Melande zu hören.

Anarond war nicht erfreut Amar zu sehen. Oder vielleicht ein wenig. Hatte er doch gedacht, dass er und die Heerführer die Nacht im Scheiterhaufen der Tischlerwerkstatt nicht überlebt hatten. Es war selbstverständlich Stadtgespräch Nummer Eins. Und jeder wollte es genauer wissen. Doch für den Freien Händlerbund, jenen geheimen getreuen Castamirs in dieser korrupten Stadt, zählten nur Fakten. Kurz berichtete Amar, dass die Fin und Eorl in Sicherheit und auch Eorl nicht zu Schaden gekommen war, erkundigte sich aber im gleichem Atemzug nach Neuigkeiten über Angthalion. Anaraond berichtete, dass dieser noch in der Nacht schwer bewacht nach Osgiliath gebracht worden war. Dort sollte er dem hochehrwürden Richter vorgeführt werden und verurteilt werden.

Amar atmete auf. Keine gute, aber auch keine schlechte Nachricht. Denn Angthalion würde die nächsten Tage, falls er keine riesen Dummheit begehen würde, wohl überleben. Eingekerkert in der Zitadelle der Sterne in Osgiliath, dem Zentrum der Macht des Reiches. Es würde nicht leicht sein, ihn dort rauszuholen, aber darüber musste er sich später erst Gedanken machen. Es gab jetzt noch dringlichere Dinge zu erledigen. Denn wenn auf einen Verlass war, dann auf die Bürokratie dieses Landes - es würden Tage vergehen bis Anklage und Verhandlung und all das andere Drumherum abgearbeitet waren und der Urteilsspruch erging. Das dieser bereits feststand war klar, aber die Dunedain hielten sich halt für rechtschaffende und aufgeklärte Kultur, da war die üppige Zurschaustellung besonders wichtig.

Amar überlies Anarond seinen Problemen: demToten Gorbag im Nebenzimmer und der üngeklärte Verbleib des schwer verwundeten Kochs und begab sich zurück in den zweiten Ring der Stadt zu Vegorions Unterschluft. Wenn er Glück hatte war dieser noch nicht wieder zu sich gekommen.

Er hatte Glück und konnte sich noch einmal im Haus umsehen. Vegorions Habseligkeiten waren belanglos. Nicht dass sie nicht tadellos gearbeitet waren und sicherlich wertvoll. Amar hatte sicherliche einige Silberlinge damit verdienen können. Aber zur Zeit ging es nicht um Geld sondern um Politik. Das Erbe Gorbacks war da schon interessanter. Auch wenn viele Gegenstände deutlich den einfachen Charakter des ehemaligen Besitzers, einem Wilden aus dem Süden mit merkwürden Riten und dem Glauben an merkwürdigen Göttern, hinwiesen, so waren doch gerade die Figürchen, der Dolch mit einer Inschrift sowie der breite kostbare Gürtel in den Reisesack von Amar, den er sich von Vegorion sicherlich ausleihen durfte, verschwunden.

Amar hätte sich Vegorions auch jetzt schon entledigen können. Ein Schnitt mit einer scharfen Klinge hätte genügt und Vegorion wäre nie wieder aufgewacht. Doch vielleicht hatte der Knilch noch ein paar Informationen, die nützlich waren, dachte Amar, während er die Fesseln prüfte. Dann wartete er bis Vegorion sich wieder rührte.

Es dauerte einige Zeit, dann wurde dann presste der Atem gegen den Knebel und Vegorions Körper spannte sich an. Er öffnete seine Augen und sah Amar und Amar sah Schrecken und Furcht darin. Die Augen weiteten sich panisch, als Amar näher kam. Vegorions Körper versuchte sich der Vertäuung zu entledigen, doch auch wenn Amar kein Seemann war, so hielten die Knoten doch eine Weile. Amar legte seine Finger auf seine Lippen und bedeutete Vegorion ruhig zu sein. Nachdem dieser zögerlich zu zappelt aufgehört hatte, nahm Amar ihm den Knebel ab und Vegorion nahm einen tiefen Atemzug. Bevor er schrein konnte war Amars Hand auf Vegorions Mund und Amars beleibter Körper auf den des Gefesselten. Manchmal hatte eine gewisse Körperfülle doch Vorteile, dachte Amar bei sich und verlagtere noch mehr Gewicht auf Vegorions Brustkorb als er sich zu dessen Ohr beute und flüsterte: "Rede!",

Amar lies die Hand etwas locker und horchte was Vegorion zu sagen hatte. Die anfänglichen Beteuerungen der Unschuld und des Mißverständisses hatten ein paar erneute Gewichtverlagerungen den Gar ausgemacht und schließlich erfuhr Amar, dass Vegorion und Gorback bereits seit einige Zeit quasi auf eigene Faust hinter den Heerführern her waren, da diese anstelle Gorbacks als Chaostruppe Castamirs getreten waren. Mit den Herrschern dieser Stadt und dieses Landes hatten sie nicht in Verbindung gestanden.

Amar hatte die hundert Lenze nicht erreicht, weil er nicht wusste, was wann zu tun war. Und als nichts Brauchbares mehr aus Vegorion herauszupressen war übergab ihn Amar der kalten und giftigen Umarmung des Todes. Der Tod schlängelte sich unbarmherzig um Vegorion und verschlang ihn mit seinem giftigen Rachen.