Erst einmal Durchatmen


Erst einmal Durchatmen und ein wenig zur Ruhe kommen. Der groblaute Kerl war tot. Der Koch hatte ihn sauber abserviert. Und Vegorion, diese falsche Zinnmünze hatte er selbst geschnappt. Um ihn würde er sich später kümmern.

Jetzt aber erst einmal ein wenig Ruhen. Schließlich war er nicht mehr der Jüngste. Mochten die Heerführer noch Grünschnäbel sein, die jetzt vermutlich mit mehr Glück als Verstand gen Süden ihr Heer suchten. Er war bereits ein alter Mann. Das wusste er. Und eigentlich war er zu alt für solche Abenteuer. Aber egal, jetzt steckte er mit drin - sehr tief mit drin.

Aber warum beschwerte er sich? Er hatte es so gewollt. Ein letztes Mal einen großen Auftrag annehmen. Ein letzte Mal den Nervenkitzel spüren.

Wie besprochen war er zurück in die Stadt. Seine erste Anlaufstelle war der Silberkeller gewesen. Diese nette kleine Taverne war in den Tagen zuvor quasi ihr Hauptquartier gewesen. Der Wirt sah es nicht unbedingt gern, dass soviele gesuchte Verbrecher in seinem Gasthaus waren, schließlich wäre er sofort einkassiert worden, falls eine offensichtliche Verbindung zu ihm hätte hergestellt werden können. Aber er stand auf ihrer Seite und half.

Amar näherte sich dem Silberkeller vorsichtig von der rückwärtigen Seite. Der fünfte Ring der Stadt war nach all den Vorkommnissen von Wächtern und Spähern nur so gespickt, und er durfte nicht auffallen. Auf dem Hof war alles ruhig. Amar schaute sich um. Hoffentlich war Mornarog, sein stattlicher schwarzer Kater noch in der Nähe. Er lies ihn nur ungern alleine. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, da streunte der Kater um die Hausecke auf Amar zu, der ihn auf den Arm nahm und kraulte.

Die Tür zum Hof ging auf und Melande, die Schankmaid des Silberkellers, trat herraus. Sie hatten einen Eimer in der Hand und schüttete den Inhalt in hohen Bogen auf den schlammigen Bogen des Hofs. sodass dieser noch schlammiger wurde. Melande, dachte Amar, ein nettes Ding. Unwillkürlich musste er schmunzeln, hatte er sich nicht noch vor ein paar Tagen von ihr verwöhnen lassen. Eigentlich wollte er nach Harar gesehen haben, der eine Verletzung im Silberkeller auskurieren musste. Doch Harar schien bereits vollkommen gesund, jedenfalls hatte er wieder genügend Energie für ein ausgiebiges Liebesspiel gehabt. Amar hatte lustvoll zugeschaut wie sich die beiden jungen Körper vereint hatten.

Heute hatte er jedoch keine Zeit, leider. Er trat aus dem Schatten hervor und begrüßte Melande. Diese war nicht unbedingt erfreut, geleitete ihn jedoch in den hinteren Teil der Taverne. Der Wirt war nicht da und ein unfreundlicher Gast schrie im Schankraum nach der Bedienung. Amar gesellt sich zum Koch in der Küche. Er hatte, so kam es ihm jedfalls vor, seit Tagen nichts Vernünftiges mehr gegessen. In der Küche konnte er das sofort nachholen. Mornarog entwischte mit einer kleinen Leckerei in den Schankraum und versteckte sich dort unter einen der vielen leeren Tische. Auch Amar lies es sich schmecken, während er dem lauten Fremden lauschte.

Kurze Zeit später gesellte sich ein weiterer Mann zu dem Fremden im Schankraum. Es war Vegorion, der Hauptmann, der ihnen vor einigen Tagen Hilfe angeboten hatte. Amar wurde mißtrauisch und horchte. Und da die beiden Männer die einzigen Gäste waren, unterhielten sie sich weiterhin unüberhörbar. Bereits nach ein paar Sätzen war Amars Interesse geweckt. Diese beiden Männer unterhielten sich über die Heerführer. Und nicht, wie man es bei einem Verbündeten wie Vegorion vermuten konnte, wohlwollend sondern außerordentlich feindlich und aggressiv. Besonders der laute Fremde, den Amar zuvor noch nie gesehen hatte, schien persönlichen Hass zu hegen. Er war ein Südländer. Irgendwie kam seine Erscheinung ihm bekannt vor. Hatte einer der Heerführer von ihm erzählt?

Die beiden Männer unterhielten sich weiter. Es wurde immer klarer. Sie gehörten nicht zum Feind, aber, und Amar hatte es bereits an dem Abend als Vegorion seine Hilfe anbot vermutet, sie waren erst recht keine Freunde. Dann nannte Vergorion seinen Begleiter schließlich beim Namen und alles wurde klarer: Gorbag.

Die Heerführer hatten diesen Namen immer wieder erwähnt. Er war ihr Feind. Und jetzt hatte Amar aus Gorbags eigenem Munde gehört, dass dieser nach dem Leben seiner Schützlinge trachtete. Es musste was geschehen. Nur was? Er war ein alter Mann und der körperliche Kampf war noch nie sein Ding gewesen.

Augenscheinlich hatte Gorbag auch kein Interesse mehr an dem Gespräch mit Vegorion, denn er hatte sich Melande zugewandt und sie nah an sich herangezogen. Sie wollte sich wehren, doch er hielt sie fest in seinen starken Händen, stand auf und zerrte sie hinter sich her in die Kammer gegenüber der Küche.

Auch der Koch schien es mitbekommen zu haben, ignorierte es aber. Amar war schon drauf und dran dem armen Ding Melande zur Hilfe zu eilen, da kam ihm eine Idee. Vielleicht konnte der Koch was tun. Amar vermutete, dass dieser heimlich scharf auf Melande war und hatte recht. Es gelang ihm, den Koch so anzustacheln, dass dieser nach einem scharfen Messer griff und kühlentschlossen zur Kammer ging.

Gorbag hatte sich inzwischen seiner Hose entledigt und Melande kniete vor ihm. Er stand mit dem Rücken zu Tür und bemerkte nicht wie diese sich öffnete und der Koch sein Messer mit aller Wut in den Rücken des Südländers rammte. Ein wilder Schrei dröhnte durchs Haus, dann ein Poltern und noch ein Schrei, diesmal ganz eindeutig von Melande - aber vor Graus.

Auch Vergorion im Schankraum hatte den Schrei gehört und war aufgesprungen. Sein gut verstecktes Schwert hatte er gezogen. Amar wusste, dass er Vegorion nicht entkommen lassen durfte und er deutete dem Koch an, dass Vegorion seinen Mord wohl bemerkt hatte. Woraufhin der Koch sich mit erhobenen Messer dem Gondorianer zuwandte.

Der Koch hielt einige Schläge aus und sank dann schwer verwundet zu Boden. Amar hatte aus einer vermeintlich sicheren Position hinter dem Tresen ihn tatkräftig zu unterstützen versucht, doch es hatte nicht gereicht. Vegorion stand immer noch und er schien abzuwägen, ob er auch mit Amar kurzen Prozess machen solle oder lieber verschwinden sollte. Zu Amars Erleichterung entschied er sich fürs letztere und eilte zur Tür. Mornarog unbemerkt auf seinen Fersen.

Es war knapp gewesen. Vegorion hätte ihn mit nur einem Schwerthieb erledigt, da war sich Amar sicher. Er atmete kurz durch. Er musste hinter Vegorion her und wusste, dass er nicht zögern würde. Zuviel hing davon ab.

Ein Blick in die Kammer zeigt ein verzörtes Bild. Gorbag lag tot mitten im Raum. Der Koch hatte ihn sterbend auf den Rücken gerollt und entmannt. Überall war Blut. Hysterisch wimmernd hockte Melande in einer Kammerecke und starrte Amar entsetzt an. Der Koch selbst lag blutend im Schankraum. Amar verbannt ihn notdürftig und hoffte, dass dieser es schaffen würde. Dann eilte er hinter dem flüchtenden Vegorion her.

Ihm zu folgen war nicht allzu schwer, denn Mornarog folgte dem Verräter. Und Amar folgte Mornarog. Außerdem war Vergorion nicht allzuschnell unterwegs, damit die Stadtwachen nicht auf ihn aufmerksam wurden, da er aufgrund des Kampfs leicht humpelte.

Es ging quer durch die Stadt. Durch den fünften Ring, den vierten, dritten und schließlich in den zweiten Ring. Ganz am Ende nahe des Felsmassivs welches die Stadt von westlicher Seite einrahmte, trat Vegorion verstohlen in ein Haus ein. Amar war ihm wie ein unsichtbarer Schatten gefolgt, hatte sich aber vor den Stadtwachen und mehr noch von den Wächtern am Tor fern gehalten.

Das Haus indem Vegorion verschwunden war, war auch das Haus gewesen, zudem er sie geschickt hatte. Anscheindend war es seine Unterkunft und der perfekte Ort für einen Hinterhalt gewesen. Ob er allein war? Amar späte durch die Fenster, konnte jedoch niemanden erkennen. Dann erblickte er Vegorion, wie dieser auf einem Stuhl gesunken seinen Wunden inspizierte.

Vegorion hatte noch nicht einmal Zeit erstaunt aufzuschauen, als ihn der Eisstrahl aus Amars hat mitten ins Gesicht traf. Er fiel vornüber auf den Boden und blieb dort reglos liegen.

Er regte sich auch nicht, als Amar durchs Fenster in das Zimmer glitt und an der Tür horchend stehenblieb. Es war nichts zu hören. Sehr gut, dachte Amar, und begann Vegorion zu entwaffnen und ihn dann zu fesseln und zu knebeln. Damit Vegorion es gemütlich hatte, wenn er aufwachen würde, bucksierte Amar ihn auf das Bett.

Das restliche Haus war menschenleer. Anscheinend schon eine Weile nicht mehr bewohnt waren nur zwei Zimmer von Interesse gewesen. Das von Vegorion, wo sich Reiseutensilien und weiter Waffen gefunden hatten und das von Gorbag, wie Amar annahm, dass förmlich überquoll von Waffen und primitiven Kultobjekten. Einige würde er mitnehmen, das wusste Amar sofort, zum Beispiel die grobbehauenen Steinfigürchen, einen schwimmernden Dolch und einen prächtigen Gürtel.

Doch erst musste er zurück zum Silberkeller. Auch wenn vormittags nicht allzuviele Gäste zu erwarten waren, waren ein schwer verwundeter im Schankraum und ein entmannter Toter im Hinterzimmer bestimmt das Letzte, was dem Wirt gefallen würde. Amar eilte deshalb, nach dem er Vegorion ans Bett gefesselt hatte, im Wissen, dass es noch einige Stunden dauern würde, bis dieser wieder zu sich kommen würde.

Wie fast eine Stunde zuvor näherte er sich dem Silberkeller wieder von der rückwärten Seite. Melande saß schluchzend auf den Stufen zum Hof und schien ihn nicht zu bemerken. Sie stand unter Schock. Amar schaute durch die Fenster. Der Schankraum war leer. Doch es waren Stimmen zu hören. Amar entschied sich als offzieller Gast durch die Eingangstür zu schreiten, um zu sehen, wer da war. Er bereute seinen Entschluss aber, als er das Pack sah, dass in das Zimmer indem der tote Garbag lag gaffte.

Die drei waren wohl zufällig auf die Leiche gestoßen, machten aber den Anschein, dass sie der Tatsache, dass der Eigentümer und Wirt als auch der Koch, was Amar sehr beunruhigte, nicht da waren, doch etwas Positives abringen konnten.

Eorl hätte sich drei sicherlich kurzerhand entledigt und aus ihnen wäre Garbags Gesellschaft geworden. Auch Angthalion hätte dies getan. Aber die drei waren halt zur falschen Zeit am falschen Ort. Das wusste Amar genau, nachdem er mit dem Hinweis, dass er jetzt die Stadtwache holen würde, hinausging und danach sah, wie die drei ein Faß Bier und einige Hochprozentige verstohlen aus dem Haus trugen.

Gelegenheit macht Diebe, dachte er bei sich, als der das Türschild auf Geschlossen dreht und sowohl Vorder- als auch Hintertür zusperrte. Melande wimmerte immer noch. Auch Brandtwein brachte nicht mehr aus ihr heraus. Sie hatte keine Ahnung wo der Koch, der doch eigentlich schwer verwundet im Schankraum liegen sollte, war oder wann der Wirt zurückkommen würde. Amar entschied sich in eine dunkle Ecke des Obergeschoß zurüch zu ziehen und auf dem Wirt zu warten. Ein wenig Ruhen, war jetzt genau das Richtige, dachte er, und schlief sfort ein.