Entwischt


Fliegen war nicht Jedermanns Sache, das war klar. Fin war sichtlich mitgenommen gewesen. Doch waren Sie alle nach kurzer Nacht in den frühsten Morgenstunden erwacht und standen nun halbwegs munter auf dem Pelennor.

Fliegen war aber auch nicht so einfach wie Atmen. Vielleicht wunderten sich die Anderen, aber Amar war erschöpft gewesen. Seine Gedanken hatten wie ein aufgebrachter Bienenstock geschwirrt und erste Anzeichen von Kopfschmerzen hatten ihm klar gemacht, dass er dringend Ruhe brauchte.

Ihm war es ihm egal gewesen, wo sie lagern wollten. Er brauchte Schlaf. Und es hatte sich auch schnell ein Plätzchen gefunden, wo er sofort einschlief. Auch Fin, ein bekennender Siebenschläfer, hatte es ihm sofort gleich getan, während Eorl und Harar Wache gehalten hatten.

Trotz der letzten ereignissreichen Tage, war ihnen jedoch keine lange Ruhe gegönnt. Die musste noch ein wenig warten. Erst einmal galt es herauszufinden, wo Angthalion war. Dass der Anführer der feinlichen Spione selbst ihn tolldreist entführt hatte, zeigt eindeutig die Wichtigkeit Angthalions Person. Auch der Feind wusste, dass das sie jetzt den Anführer der Herrmeister der Söldnerarmee gefangen hatte.

Amar hoffte, dass sie Angthalion nicht allzu schnell durchschauen würden. Vielleicht machten Sie sich nicht einmal die Mühe genau nachzufragen. Denn nach all den Rückschlägen der letzten Wochen, hatte der Feind jetzt einen Erfolg zu verbuchen. Dass ihnen die wahre Bedeutung des sogennanten Ritters von Minas Celeb lange vorborgen blieb, war nur zu hoffen. Doch wenn Angthalion eines konnte, dann war es sich wichtig zu machen.

Die anderen Heerführer hatten Amar von der Schlacht um Minas Ator erzählt, als alle Heerführer mitten im Kampf waren und nur der ach so edle Ritter hoch zu Roß ein Kraut rauchte und vom Kampfeswille sogar von Rindern, die zusammen getrieben worden waren, überholt wurde. Letztendlich war Angthalion jedoch als der einzig wahrer Sieger aus dem Gemetzel gekommen. Nicht nur weil sein Heer das feindliche besiegt hatte, sondern weil er zwei wichtige Adelige erschlagen hatte: seinen Schwager und seinenVater.

Tatsächlich konnte kein Zweifel darin bestehen, dass diese Tat bei Castamir, dem Angthalion seine Treue geschworen hatte, Eindruck hinterlassen hatte. Vielleicht war er, Amar, nicht zuletzt deshalb als eine Art Berater oder wie er mittlerweile vielmehr annahm, als Aufpasser, angeheuert worden.

Ja, das Kind hatte Flausen im Kopf. Und Amar hatte alle Hände voll zu tun, dass dieser Kopf auch auf den Schultern blieb. Der Feind würde Angthalion sicherlich nicht ehrenvoll enthaupten, sondern als Verräter hängen. Amar hatte die Steckbriefe, die in der Stadt fast an jeder Hausecke angebracht waren, noch allzugut in Erinnerung. Man hatte ihnen grauenvolle Schandtaten angedichtet. Und alle, auch die vier, die jetzt hier auf dem Pelennor berieten, wie es weiter gehen sollte, waren steckbrieflich gesuchte Verbrecher geworden. Eines musste man dem Kaufmann Malred lassen, dieser wusste wie er Stimmung machte.

Dass ihre Verfolgung auf seinen Geheiß hin erfolgt war, war eindeutig. Schließlich war es seine Stadt. Er hatte sie über Jahre korumpiert und in seine Macht gebracht. Er hatte sicherlich ein Vermögen investiert, aber jetzt waren die Stadtwachen und der Herr der Stadt in seiner Abhängigkeit. Steckbriefe und Hunderschaften an Soldaten für ein paar feindliche Rebellen, waren so ganz einfach aufzutreiben und einzusetzen. Und keine Frage, es hatte gewirkt.

Doch hoffentlich war Malreds Macht noch nicht so groß, dass er frei über Angthalion verfügen durfte. Denn dann, da war sich Amar sicher, würde Angthalion das selbstsichere Lächeln, welches sein hübsches Gesicht gerne zierte, sehr schnell vergehen. Denn Malred war skrupellos. Vielleicht war es gut, dass der Anführer des gegnerischen Geheimdienstes Angthalion entführt hatte. Dieser Stand zwar auf Malreds Seite, diente aber dem König aus Osgiliath. Aber Spekulationen halfen nicht weiter, es musste Klarheit gefunden werden.

Für Eorl war es eindeutig, er würde nicht mehr in die Stadt gehen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß geworden. Sie hatten ihre Aufgabe bestmöglich erledigt. Sicherlich, das große Ziel würden Sie nicht erreichen, schließlich war die Wahl des Stadtrats schon Übermorgen. Aber auch so hatte Sie dem Feind ein paar Wochen bereitet, die nicht so schnell zu vergessen waren.

Fin und Harar wollten auch nicht zurück in die Stadt. Aber Angthalion einfach seinem Schicksal zu überlassen, war undenkbar. Sie mussten wissen, was mit ihm war. War er noch am Leben, so musste er gerettet werden.

Amar wusste was sie wollten, noch bevor sie ein Wort gesagt hatten. Die letzten Wochen mit dieser Rasselbande waren aufregend gewesen. Fast fühlte er ihre jugendliche Kraft und ihren unbändigen Tatendrang auf sich überspringen. Er wusste aber auch, dass Fin und Harar nicht fahrlässig und übermütig waren. Das stand eher Angthalion und Eorl zu.

Sie verabschiedeten sich kurz darauf. Fin, Harar und Eorl wollten sich auf den Weg zum Heerlager machen. Dort konnten sie Bericht erstatten und wie es sich für verantwortunsbewusste Heerführer geziemt, auch einen Blick auf den Zustand des Heers werfen. Sie wollten sich dann wieder binnen drei Tagen vor Minas Ator treffen, um alles weitere zu besprechen. Amar sollte zurück in die Stadt gehen und den Verbleib von Anthalion auskundschaften.

Mit einem festen Händedruck zum Abschied wandte Amar sich der Stadt zu. Die baumhohen Stadtmauern schienen unüberwindbar, doch für ihn sollten sie kein Hinderniss darstellen.