Torgil


Staunend standen Angthalion, Fin und Amar auf die sich nähernde Wolke aus Staub. Nicht in ihren kühnsten Träumen hatten sie eine Zerstörung solchen Ausmaßes zu hoffen gewagt. Der Staub verbreitete sich schnell und unbarmherzig. Bald bedenkte eine feine Schicht gemalenen Steins die ganze nähere Umgebung.

Als der Staub sich gelegte wurden die Hilferufe lauter. Doch die drei, die jetzt mit einem feinen grauen Schleier umzogen waren, schauten sich nur an. Die Blicke sagten eindeutig: das kann niemand überlebt haben. Um ihre Augenwinkel huschte ein Lächeln, doch sie gaben acht, dass sie überrascht und ein wenig ängstlich aussahen. Nicht umsonst wie sich bald darauf herausstellte, als sie sich zum gehen umdrehen wollten aber von einer Stadtwache aufgehalten wurden. Das Verhör war schnell beendet. Das Schreiben des Vorsitzenden der Stadtwache tat seinen Dienst. Also zurück in den Schneiderkeller. Dort wollte man auf Eorl und Harar warten.

Die beiden waren auf der anderen Seite des Tores sofort umgedreht, nachdem sie die Pferde scheu gemacht hatten. So hatten Sie kaum etwas von dem Unglück am Tor mitbekommen. Lediglich der laute Aufknall war deutlich zu vernehmen. Doch im Gegensatz zu einer Reihe schaulustiger Passanten, gingen Sie stadtaufwärts um dann eine Seitenstraße nehmen zu können und auf die anderen zu treffen. So war es jedenfalls geplant. Aber das Schicksal hatte anders mit ihnen vor.

Die nächste Straßenecke hatten sie gerade hinter sich gebracht, als sie mitten in einer Rotte von Leuten standen, die interessiert nach vorne blickten, wo, wie es aussah gerade Gericht gehalten wurde. Freilich nicht vom hohen Richter selbst sondern von ein paar Schlägern, die lauthals die Menge anfeuerten. Wie es auch immer dazu kommen konnte, war den beiden nachträglich gänzlich schleierhaft. Fakt war, das sie, ehe sie sich versahen, Gegenstand der Hetzreden des Pöbeltrubunals wurden.

Wie sich schnell herausstellte, hatten sich hier Königstreue versammelt und wollten Lynchjustiz an Castamir-Anhängern ausüben. Da kamen Eorl und Harar ihnen gerade recht, da sie in ihrer Erscheinung so gar nicht zu dem abgehalftertem Abschaum passten. So dauerte es nicht lange, da war eine handfester Kampf in Gange. Harar hatte sich heraushalten wollen, warf noch einen Dolch und tötete damit den Wortführer, zog damit aber nur den Zorn der Menge auf sich, so dass er die Beine in die Hand nahm und durch die Gassen zu entkommen versuchte.

Da er wusste, dass er in seiner Rüstung keine lange Verfolgung durchhalten würde, versuchte er etwas Abstand zwischen ihn und seinen Verfolgern zu erhalten, um dann in eine engere Seitengasse zu springen und sich umzudrehen. Der erste Verfolger sah noch den Krummsäbel aufblitzen, als er auch schon in sich zusammensank. Seine Kumpen versuchten ihr bestes, aber in der engen Gasse war der Faustkampf gegen einen erfahrenen Kämpfer eine unfaire Angelegenheit. Dass erkannten die Erfolgter ziemlich rasch nachdem zwei weitere Angreifer ihre zerschnitten Bäuche hielten.

Harar wusste, dass ihn dies kostbare Zeit gekostet hatte. Kurz vor seiner Flucht hatte er gesehen, dass Eorl von der Menge übermannt worden war. Sie hatten ihn in ein Fass gesteckt, dieses verschlossen und schließlich stadtabwärts zu rollen begonnen. Als er den Rädelsführer beseitigt hatte, hatten sie nur noch schneller gerollt. Er überlegte, was zu tun war, als er seinen Säbel an den Klamotten seiner sterbenden Verfolger abwischte und trat in die Hauptstraße ein. Von seinen Verfolgern oder von der Stadtwache war nichts zu sehen. Hier und da luckten ängstliche Gesichter aus den Fenstern und Türen der Häuser. Er erkannte Furcht in ihren Augen. Sie hatten gesehen, wie er kurzen Prozess gemacht hatte. Und dass es auch nicht zu überhören gewesen war erkannte er, dass neben den Neugierigen, die sich jetzt da er sich stadtabwärts bewegte um die Sterbenden kümmerten, daran, dass er Fin erkannte, der die Hauptstraße auf ihn zu gerannt kam. Ihm folgten in einigen Abstand Angthalion und ein keuchender und ziemlich blass aussehender Amar.

Kurz berichtete Harar was vorgefallen war. Sie waren sich einig, die Verfolgung am Platz aufzunehmen, an dem Eorl in das Fass gesteckt worden war. Dort waren nicht mehr viele anwesend. Angthalion schnappte sich denjenigen, den er als Wortführer ausmachte und fragte ihn unsanft nach dem Mann, den sie in ein Fass gesteckt hatten. Trotzig verweigerte der Mann jegliche Auskunft, doch plötzlich stöhnte er vor Schmerz und Angst weitete sich in seinen Augen aus. Sie hatten Eorl die Straße abwärts zum Haus der Königstreuen gerollt.

Die Gefährten eilten dorthin, doch von Eorl war keine Spur zu sehen. Angthalion fing sofort einen Disput mit einem langbärtigen Schläger an. Amar war es sofort klar, dass sie hier mit Gewalt keinen Erfolg haben würde. Ungestüm hatte Angthalion sein Schwert gezogen, war nur zur Folge hatte das sich eine Rotte von zweidutzend mit Knüppeln und Messer bewaffneten um ihn, Harar und Fin sammelte. Auch seine Proklamation, er sei der Bevollmächtige der Stadtwache, erzielte nicht den gewünschten Effekt. Im Gegenteil, die Menge und vor allem sein Gegenüber lachten lauthals und verspottete die Feige Stadtwache.

Wohl oder übel mussten sie sich zurückziehen. In einer Seitengasse nicht weit entfernt beratschlagten Sie ihre nächsten Schritte. Sie mussten wissen, ob Eorl in dem Haus war. Angthalion guckte etwas dümmlich, als Amar sich schließlich splitterfasernackt auszog und ihm mit einem lächelnden Blick seine Habseligkeiten in die Arme drückten, der ihm gleichsam klar machte, dass er Amars Sachen wie seine Augäpfel achten solle und dann nicht mehr zu sehen war.

Routiniert ging Amar an den Häuserwänden entlang. Er achtete darauf, dass er mit niemanden zusammen stieß. Es war kalt. Und nicht das erste mal war er dankbar, dass er mit seiner natürlichen Fettschicht, nicht allzuschnell auskühlte. Er musste in das Haus, dort war es sicher warm. Er wählte den Hintereingang, der über einen Hof zu erreichen war. Der Hof war wiederrum durch ein Tor, welches zwar mit zwei Wachen bewacht war, aber offen stand, zu erreichen. Amar wartete bis die Wachen durch Passenten, mit denen sie redeteten abgelenkt waren. Auf dem Hof fand er nachdem er sich ein wenig umgesehen hatte, ein Fass, welches mit brachialer Gewalt auseinander gerissen worden war. Warum nur, fragte er sich, als er auf den Bruchstücken, angetrocknete rot-braune Flecken, vermutlich Blut, erkannte.

Wo hatten sie Eorl hingebracht, fragte er sich. War der Kerker im Haupthaus oder in den hinteren Ställen? Er entschied sich für das Haupthaus. Außerdem war es dort vermutlich wärmer. Zwar war auf der Rückseite des Haupthauses die Tür auch bewacht, doch glücklicherweise war die Wache gerade mit einer blonden Maid abgelenkt, der er seine belegte Zunge immer wieder in den Hals stieß. Amar schlüpfte vorbei.

Das Haus war groß und Amar keine große Lust jeden einzelnen Raum zu erkunden. Die Gefahr dann entdeckt zu werden, war zudem zu groß. Also entschied er sich, sich in der Ecke unter der massiven Holztreppe, die nach oben führte zu verstecken und zu warten, was passierte. Er vermutete, dass über kurz oder lang Gespräche über die Vorkommnisse in der Stadt und hoffentlich auch über den Gefangengen, Eorl, geführt wurden. Seine Geduld wurde auch eine harte Problem gestellt. Es schient wie verhext. Zwar hörte er Unterhaltungen, das Thema war aber eher Essen oder Wetter und nicht, wie es sich für eine Untergrundbewegung geziemte der Unglücksfall am Tor oder der Gefangene.

Amars Beine begannen schon einzuschlafen, als etwas schweres die Treppe unter der er saß erbeben ließ. Jemand kam behäbig die Treppe hinunter. Schritt für Schritt. Was mochte das sein, fragte sich Amar, denn er war sicher, dass selbst er mit seiner nicht unbeträchtlichen Leibesfülle nicht so einem Lärm machen sollte. Dann sah er ihn. Eine große, riesenhafte Gestalt, die leicht gebückt ging. Sie hätte Amar sicher um mehr als einen ganzen Kopf überragt. Und das verwunderte schon , denn Amar war meist derjenige der einen Kopf größer als die anderen waren. Die Gestalt kam näher und ging an Amar, der sich tiefer in sein Versteck zurückdrängte, vorbei zur Hintertür, ging dann aber links und vermutlich in den Keller, wie es den Schritten nach zu vemuten war. Das Gesicht war grotesk gewesen. Irgendwie entstellt. Es war menschlich gewesen, aber, und da war sich Amar sicher, das Wesen hatte bestimmt keine schöne Kindheit gehabt.

Doch schon kam die Gestalt wieder aus dem Keller. Amar konnte die Muskelpakete erkennen, wie es spielerisch eine schwere Eisenkette in der großen Pranke hielt und wiede die Treppe hinaufstampfte. Amar atmete durch. Warum musste er wieder mal jemanden aus der Patsche befreien, fragte er sich. Denn eins war sicher, dieses Wesen würde aus ihm Hackfleisch machen, wenn es ihn entdeckte. Weiter konnte er nicht denken, denn schon wieder kamen die schweren Schritte. Diesmal begleitet von einigen leichtfüssigen Bewegungen. Bring ihn in den Keller, Trogil, sagte eine befehlsgewohnte Stimme. Ein Grunzen war die Anwort. Die leichtfüssigen Stimmen unterhielten sich und Amar hörte heraus, dass es der Hausherr und sein Lakai war, und das diese erzürnt über die heutigen Ereignisse der Stadt waren. Sie betitelten .. als Heuchler und sprachen offen darüber, dass dieser ihr Leben sehr erschweren würde, wenn sie ihm nicht Einhalt  gebieten konnten. Amar meinte den Worten zu entnehmen, dass der Tod eine geeignete Aternative war.

Das Ungetüm trug einen Körper, der zu einem Bündel zusammengebunden war. Ein Sack war über den Kopf gestülpt worden, doch Amar wusste, dass es Eorl war. Der Riese ging in den Keller und kam nicht wieder. Der Hausherr verabschiedete sich vom Zweiten, weil er in den Stadtrat musste. Schlecht gelaunt kam er etwa zwei Stunden später wieder. Amar hatte sich während der Zeit nicht von Fleck gerührt. Langsam bekam er Hunger, doch er musste geduldig sein. Um Mitternacht würde er Eorl befreien.

Gesagt getan. Als die Nacht am Dunkelsten war und das Haus am ruhigsten, stieg Amar die Treppe in den Keller hinab. Am Ende der Treppe war ein großer Raum, dessen Boden von Unrat bedeckt war. Kein Zwiefel hier hauste Trogil, der wie Amar sofort erkannte auf dem riesigen Bett am anderen Ende des Raums schnarchend schlief. Amars Blick durchstreifte den Raum. Ganz in seiner Nähe lag  Eorl auf dem Boden, am Hals mit der riesigen Kette befestigt.

Amar schlich zu dem am Boden liegenden Körper, trat aber wohl auf einen Knochen. Das Geräusch schallte durch den Raum und Amar bliebt fast das Herz stehen. Was, wenn das Untier aufwachen würde. Das Scharchen war jedenfalls nicht mehr zu hören. Amar stand stochsteif und blicke auf das Bett. Das Wesen grunzete verschlafen, drehte sich um und bald war wieder ein ruhiger Atmen zu vernehmen. Amar wartete noch einige Minuten bevor er sich über Eorl bückte. MIt der einen Hand fühlte er das Eisenband, welches um Eorls Hals geformt war, mit der anderen berührte er Eorls Schulter, der sofort zu schrumpfen schien. Auf jeden Fall war es für Amar kein Problem Eorl langsam und lautlos von seinem eisernden Halsband zu befreien. Amar schnappte sich den bewusstlosen Eorl, der zu einem kleinen Bündel geworden war und schlich die Treppe hinauf zur Hintertür. Er hielt kurz inne, um sicher zu stellen, dass niemand Eorl sehen konnte, trat aus der Haustür und verschwand in der Nacht ohne gesehen zu werden.